Reflexionen ohne Anspruch, von einem Architekten auf dem Nomadencamp der Architektur

Das sich Ueberschlagen der Ereignisse und die Schnelligkeit mit der sie sich uns praesentieren sind kennzeichnend fuer unsere Epoche. Es ist die Zeit der Mutation, mit anderen Worten, der spontanen Transformation und das Enstehen von unvorhersehbar Neuem aus dem Nichts. In diesem Ausdruck sind die Konditionen der Transformation und Weiterentwicklung enthalten. Das Konzept der Veraenderung definiert die aktuelle Epoche und stellt sich in einer instabilen Wahrnehmung der Stadt dar waehrend wir ihre Raeume passieren. Die Frage, die sich uns vor allen anderen stellt ist jedoch eine andere, naemlich zu klaeren, wo am Horizont wir diese kuenstlerischen Expressionen des Wahrgenommenen positionieren. Wo siedeln wir dieses Produkt „ihrer“ Wahrnehmungen an – entstanden zwischen Versuchungen der Formen, Inspirationen aus kulturellen Strukturen der Vergangenheit und einer Zukunft, die immer mehr zu einer total kuenstlichen Landschaft neig.

Ach je, Paris veraendert sich schneller, als das Herz eines Menschen sich verlieben kann”. So beklagt sich Baudelaire, der die Modernitaet wie ein Reich der Illusionen, des Fluechtigen empfindet. Die kaleidoskopische Wahrnehmung des fragmentierten urbanen Raumes spielt sich zwischen vertrauenerweckenden Programmen zur vermeintlichen Beherrschung der urbanen Unordnung ab, waehrend andererseits die Peripherie und das Zentrum diversen neuen Prozessen der Zersplitterung unterworfen sind. Die Peripherie hat ihre Spezialisierung verloren. Ihre monotone Rolle, als Wohngebiet zu fungieren hat sie aufgegeben um Einkaufszentren, Serviceunternehmen und Handwerksbetrieben Platz zu machen. Das Stadtzentrum dagegen hat, zumindest in Europa, seine charakteristische Multifunktionalitaet verloren. Es ist zum Freilichtmuseum geworden. Frisch renoviert, sauber, alles funkelnagelneu, wie nie zuvor. Man betritt es zu Fuss wie einen Supermarkt. Hier findet man Bueros, Geschaefte, Bars, Restaurants. Die Hotels haben zuerst die Autobahnzubringer erobert und greifen jetzt immer mehr auf die laendlichen Raeume ueber. Die Kollektivraeume verlieren ihre Zugehoerigkeit zum Stadtgebiet.

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Der oeffentliche Raum hat multiple Perspektiven und kann in seiner raeumlichen und symbolischen Struktur  nur als multiple Perspektive gedacht werden. Gerade in seiner symbolischen Darstellung ist er Ort der Veraenderung par excellence, Ort der Auffuehrungen, der Events und innovativer kultureller Projekte. Dieser komplexe Charakter kann nur respektiert werden, indem man ihn nicht ueberkontrolliert.
Der oeffentliche Raum neigt automatisch dazu, sich selbst zu strukturieren. Es existiert der attraktive, kommerzielle, auf Vergnuegen ausgerichtete Raum, automatisch organisiert von Investoren und oekonomischen Kraeften. Dann existiert der wechelhaft unbestaendige Raum, Ort der spontanen Versammlungen, an dem sich – unerklaerbar – junge Menschen in Scharen versammeln. Diese Orte verstossen gegen die Regeln von Raumplanung und Zeichnungen, die das Zusammentreffen von Einwohnern mit Touristen kontrollieren wie z. B. im Altstadtzentrum. Die Intensivierung  dieser Raeume kann die Qualitaet von urbanen Gebieten, die bislang ein Schattendasein fuehrten oder vergessene anonyme Randzonen waren, verbessern. Die Paria der Stadt,  Wohnwuesten, erst einmal befreit von den Ketten, von der zugewiesenen Rolle der Planer, veraendern sich auf unerwartete Weise und geben ihrer Freiheit Ausdruck in Form wachsender Vitalitaet. Es existiert kein Paradigma, das die Rekonstruktion fragmentierten Raumes mittels planerischer Massnahmen gewaehrleistet.

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Nur nicht monumentale Kunst, Kurzlebiges, von Performern organisierte Events, Installationen die sich oeffentliche Raeume ausleihen, spontane Versammlungen, mit Unterstuetzung der Betreiber kommerziell genutzter Raeume koennen voruebergehend die semantische Rekonstruktion oeffentlicher Raeume gewaehren.
Das gesellschaftliche Leben in den oeffentlichen Raeumen der europaeischen Staedte hat dagegen andere Ikonen. Patiniert, anspruchsvoll, die Piazza der Business Class mit Gruenflaechen, glitzernde Materialien, auserwaehlte Kompositionen,  monumentale Kunst und… dauerhaft. Alles in komplettem Gegensatz zu der Realitaet der spontanen Versammlung, wie die Wochenmaerkte auf oeffentlichen Parkplaetzen, die Begegnung unter den Arkaden zwischen Kaeufern und fliegenden Haendlern, die Raubkopien von Software und CDs anbieten, die provisorischen Chalets im Sommer, die zum Treffpunkt junger Menschen werden. Diese neue Realitaet ueberholt die traditionelle Dynamik des oeffentlichen Lebens.  Die architektonische Zeichnung fuer die Organisation der oeffentlichen Raeume hinkt der Nachfrage hinterher, da sie nicht auf wahren Tendenzen sozialen Verhaltens basiert. Die unkonventionelle, natuerliche Art der Versammlung hat einen entwaffnenden Effekt gegenueber Programmen zur Kontrolle des urbanen Ambientes.

MODICA: HOTEL BALARTE

Hotel Balarte- ein Restraum. Angesiedelt am Rande des institutionalisierten Tourismus der Reisegesellschaften, der Clubs und Feriendoerfer erscheint es nicht auf einer Ansichtskarte. Und doch gehoert es zu den Reiseerfahrungen wie die Besichtigung einer Stadt. Es hat nicht die Historie eines Monuments, vielmehr ist es eine amuesante und ironische Erinnerung an die letzte Avangarde, die Teil der italienischen Kunstgeschichte ist und etwas ins Abseits gedraengt wurde. Wie eine voruebergehend von Strassenkuenstlern bevoelkerte Piazza ist Hotel Balarte ein Ort – im Hier und Jetzt verwurzelt – mit spontanen Installationen noch unbekannterKuenstler.

Sergio Adamo

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